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Wie werde ich meinen inneren Kritiker los?



Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, so intensiv diese schmerzhaften Momente. Als ich Anfang 20 war, relativ zu Beginn meiner Karriere, habe ich eine Chance bekommen, die die Weichen für meine Karriere, zumindest für die nächsten 20 Jahre, gestellt hat. Ich war Teamassistentin in einem großen IT Unternehmen, jung, engagiert und voller Motivation und Elan. Das kam gut an, die Arbeit hat Spaß gemacht und ich habe positive Rückmeldungen bekommen. Ich wusste nicht, was ich wollte, was mir besonders Spaß machte, stattdessen nahm ich jede Herausforderung an und war stolz, wenn mir jemand eine Aufgabe anvertraut hat und mir zugetraut hat, sie zu bewältigen. Bis ich eines Tages eine Beförderung, oder vielmehr, ein komplett neues Jobangebot bekommen habe. Von Team Assistentin zu Operations Analyst. Wow, dachte ich mir! Natürlich nehme ich die Stelle an!

Was ich nicht bedacht habe, ich musste von 0 anfangen in einem Bereich, in dem ich weder gut ausgebildet noch besonders talentiert war. Als Analyst musste ich ein Verständnis für Statistik und eigentlich mehr als grundlegende Fähigkeiten in Excel haben.

Beides hatte ich nicht, dafür hatte ich andere Fähigkeiten wie eine gute Kommunikationsfähigkeit, ich war sehr zuverlässig und durchaus lernbereit. Das war aber nicht das größte Problem, sondern es war, mein innerer Kritiker. Anstatt um Hilfe zu bitten und offen anzuerkennen, was ich kann und was ich nicht kann, hatte ich von nun an den Kritiker im Ohr der mir einredete, "Du bist dumm", "Es ist deine Schuld dass du es nicht kannst!", und "Du musst das jetzt irgendwie hinkriegen ohne dass es die anderen merken!". Mein innerer Kritiker der mir sagte wie schlecht und wie falsch ich war, wurde immer lauter. So laut, dass ich nicht glauben konnte, dass irgend jemand in dem Team auch nur irgend was gutes an mir sieht. Meine Kommunikation ließ nach und ich saß vor den Aufgaben völlig überwältigt. Selbst das was ich eigentlich gut konnte, konnte ich plötzlich nicht mehr. Unzählige Male fand ich mich weinend in der Toilette während meine Kritiker und auch, ein kindlicher, sehr verletzter Persönlichkeitsanteil im Kanon sangen.


Das war eine Extremsituation, die sich jedoch in abgeschwächter Form wiederholte. Der Kritiker übernahm und meine Versuche ihn zum Schweigen zu bringen auch. Ich habe mir positive Affirmationen vorgesprochen, habe mir in Selbsthypnose, dass ich gut bin, habe mir vorgestellt, wie ich ihn wegschmeiße, nur damit er dann, wenn's drauf ankommt, mit voller Wucht zurückkommt.


Der Kampf gegen sich selbst

Heute weiß ich, wir können unsere inneren Kritiker so nicht loswerden. Auch wenn diese inneren negativen Selbstgespräche die immer wieder Selbstzweifel und unser Selbstbewusstsein mindern echt anstrengend sind, sie gehören zu uns. Es ist ein Kampf gegen sich selbst, der Kraft zieht und es letztendlich noch schwerer macht. Denn jedes Mal, wenn ich gegen mich selbst in den Kampf gehe, vermindere ich mein Selbstbewusstsein, weil ich den Glauben verfestige, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt.

Es ist ein Irrglaube, alles an mir stimmt! Selbst der innere Kritiker, der mir vermeintlich Steine in den Weg legt, ist einst aus einem guten Grund entstanden.



"Das seltsame Paradox ist, dass, wenn ich mich so akzeptiere wie ich bin, ich die Möglichkeit erlange, mich zu verändern. " Carl Rogers



Der Perspektivwechsel

Es gab einen Wendepunkt, an dem Punkt, als ich erkannt habe, wozu diese inneren Kritiker in mein Leben getreten sind und was ihre Aufgabe ist. Alles was wir in uns entwickelt haben, ist aus einem guten Grund da, wir haben bloß noch nicht genau verstanden warum.

Doch allein diese Haltung hat viel verändert. Ich wurde weicher, sanfter und freundlicher mir selbst gegenüber. Vor meinen Augen, das 8 jährige Mädchen, das selbst ständig kritisiert wurde, und irgendwann selbst nicht mehr wusste, was denn nun "richtig" ist. Dieses Mädchen konnte seine Umstände nicht oder nur verändern, Kinder sind abhängig von ihren Bezugspersonen. Also veränderte das Mädchen sich selbst. Es entwickelte einen Kritiker der dem Mädchen sagte, wo es potenziell "zu dumm" sein könnte, bevor es die anderen taten, und zudem noch einen inneren Antreiber, der glaubte "weil du zu dumm bist, musst du härter arbeiten als alle anderen". Und so konnte es ganz gut durchs Leben kommen.

Diese Sichtweise ließ in mir tiefen Respekt für meine Kritiker entstehen. Sie haben sich einfach gekümmert und es war in ihrem Interesse, dass es mir gut geht.


Es gibt ein großes Missverständnis, wenn es um das Thema Selbstliebe geht. Wenn ich mich selbst wirklich liebe, dann liebe ich alle Teile an mir selbst. Liebe schließt nicht aus. Wie eine liebende Mutter ihr Kleinkind, das gerade Wutanfälle hat, auch nicht aus ihrem Herzen ausschließt. Sie wird das Leid des Kindes erkennen und eine Hilfestellung anbieten.


Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Wenn wir älter werden, haben wir wieder Möglichkeiten, wir können alte Bewältigungsstrategien, die damals gepasst haben, auf die heutige Zeit anpassen. Sie wie eine veraltete Software "updaten".

Wenn wir mal bei der Metapher bleiben, wie wird denn ein Update bei einem Programm entwickelt? Der Entwickler wird hierzu den bestehenden Code lesen und verstehen müssen. Er wird vielleicht sogar dahinter liegende Prozesse verstehen müssen. Erst dann kann er einen neuen Code schreiben.

Das heißt, wenn ich heute meine inneren Kritiker "umprogrammieren" will, beginne ich damit, ihren Auftrag zu verstehen und eine Wertschätzung zu ihnen aufzubauen. Ich vertraue darauf, dass selbst meine inneren Kritiker mir nichts Böses wollen und dass alleine die Haltung ihnen gegenüber, bereits Veränderung bewirkt.

Die Möglichkeit des Dialogs tut sich auf. Der Dialog zwischen selbst und meinen inneren Anteilen, der so erhellend sein kann. Der innere Kritiker hängt in der Vergangenheit fest, er glaubt, wir sind immer noch ein Kind. Erst als er genug Vertrauen in mich gefasst hat, die Erwachsenen, und auch gesehen hat, dass es andere Wege gibt, erst dann konnte er sich verwandeln. Heute ist er nicht mehr mein Kritiker, heute hat er eine andere wichtige Rolle, die Rolle eines Qualitätsmanagers.



An dieser Stelle lade ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, zu einer kleinen Reflektion ein. Es ist eine Inventur der inneren Kritiker.

Gehe in Gedanken durch deinen Alltag, durch schwierige Situationen und schreibe bemerke, welche kritischen Stimmen sich melden. Was sind Sätze, die gesagt werden?

Kannst du sie in eine bestimmte Gruppe zusammenfassen? z.B. innerer Perfektionist, Antreiber usw.

Schreibe sie erstmal einfach nur auf.


Und nun frage dich, was könnte ihre Absicht sein? Welchen Dienst könnten sie für dich erfüllen, wenn du für diese Reflektion davon ausgehst, dass sie in deinem Interesse arbeiten?


Wenn es dir gelingt, dann nimm wahr, was diese Haltung in dir verändert?




Hast du schon den Test ausgefüllt um herauszufinden, welcher innere Kritiker bei dir besonders stark ist?




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