Den Stress begrüßen - der achtsame Weg

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Die meisten von uns haben einen Alltag in dem das konstante Gefühl vorherrscht, es ist noch nicht genug. Wir müssen noch mehr erledigen und haben keine Zeit. Am schlimmsten ist dieses Gefühl oft in der Arbeit. Der Leistungsdruck, die ständige Verfügbarkeit hält uns unwillkürlich davon ab, bei uns zu sein. Stattdessen fühlt es sich manchmal wie im Hamsterrad  an. 

Der hohe Anspruch an uns und diese Schnelligkeit zwingt uns, in eine Art Automatikmodus zu verfallen, der uns nicht mehr erlaubt hinzuspüren. Wir verlieren den Kontakt zu unserem Körper und nehmen so nicht mehr die Signale wahr die uns darauf hinweisen wenn es zuviel wird. Und so verstummt ganz langsam auch unsere innere Weisheit und unsere Lebensfreude. 

Muss das denn so sein? Achtsamkeit zeigt hier Wege an, wie wir durch konsequentes Anwenden von verschiedenen Techniken eine Gelassenheit in der Arbeit erreichen können.

Stelle zuerst den Kontakt her

Stress ist ein Buzzword unserer Zeit und scheinbar der Gesundheitsfeind Nummer 1 geworden. Doch bevor wir jetzt beginnen, Stress zu bekämpfen und Strategien aufsetzen um ihn aus unserem Leben zu eliminieren, möchte ich eine andere Perspektive bieten. Denn jetzt mal ganz ehrlich, das haben wir doch alle schon etliche Male versucht und es hat doch nicht geklappt. 

 

Ich erinnere mich an Zeiten in denen ich so viel gearbeitet habe, dass ich auch am Wochenende nur an die Arbeit gedacht habe und nachts nicht schlafen konnte. Dieser Stress hat mich einfach nicht losgelassen! Ich war entweder in der Arbeit, habe an die Arbeit gedacht, und wenn es Zeit war Kraft zu tanken, saß ich regungslos auf der Couch und habe mir Wiederholungen im Fernsehen angeschaut die mich garnicht interessiert haben. Damals gab es noch kein Netflix - wobei, das wäre nur eine sehr kleine Erleichterung gewesen. Fakt ist - ich konnte meine Energiereserven dadurch nicht auftanken. 

 

Und wenn ich dann Urlaub hatte und es mir gelungen ist, aus dieser Spirale auszusteigen, habe ich mir fest vorgenommen, diesen Kreislauf zu beenden. Ich mache mehr Sport, gehe früher nach Hause, lasse mich nicht mehr so mitreißen. Doch zurück im Office hat die erste mürrische Mail vom Chef gereicht, um mich wieder zurück zu befördern. 

Diese Strategie des dagegen ankämpfens, ist nicht die Lösung. 

 

 

Es gibt eine interessante Studie von Kelly McGonigal, einer Gesundheitspsychologin an der Standfort University. Sie forscht seit Jahren zu dem Thema Stress, und sie beginnt ihren Ted Talk mit den Worten: "Etwas dass ich seit Jahren gepredigt habe, hat mehr Schaden zugefügt als Gutes. Und zwar, dass Stress schlecht ist." 

Und dann stellt sie die Studie vor in der 30.000 Menschen über 8 Jahre befragt wurden. 

 

 

1. Wie viel Stress waren Sie letzes Jahr ausgesetzt?

2. Glauben Sie, dass Stress gesundheitsschädlich ist?

 

Und dann haben sie das Sterbeverzeichnis genutzt um herauszufinden, wer gestorben ist. 

Das Ergebnis, die Menschen die im letzten Jahr viel Stress erlebten, hatten eine 43% höhere Wahrscheinlichkeit an Stress zu sterben. Allerdings nur, wenn sie glaubten dass Stress schlecht für sie war. 

 

Das niedrigste Risiko zu sterben hatten die Menschen, die viel Stress hatten und nicht glaubten, dass es schlecht für sie ist. 

 

 

 

Ich finde diese Studie sehr erstaunlich und es deckt sich auch mit meiner persönlichen Erfahrung. Wenn ich gegen meine Realität ankämpfe, dann wurde es meist nur schlimmer. Wenn ich mich jedoch dem öffne was in meinem Leben passiert, dann konnte sich paradoxerweise etwas in mir entspannen. Dann war es zeitweise immernoch stressig, aber es war nicht mehr  - das Problem. 

Erst dann war ich fähig weise Entscheidungen zu treffen und den Stress zu bewältigen. Stress ist ein wichtiger Indikator geworden. Ein Zeichen von meinem Körper, dass hier gerade etwas vor sich geht, das meine Aufmerksamkeit braucht. 

 

Wir beginnen also eine Haltung des Respekts und des Interesses zu kultivieren. 

Mir ist besonders wichtig, dies als ersten Schritt zu erwähnen weil Achtsamkeit ein schwieriges und häufig missverständliches Wort ist. Man könnte es mit Aufmerksamkeit oder Aufpassen verwechseln, doch es geht um soviel mehr! 

Wir beginnen damit, unsere innewohnende Freundlichkeit und Offenheit zu kontaktieren um so Raum zu schaffen, für die Herausforderungen die uns im Leben begegnen. 

 

 

Stress = Überlebensmodus

Doch was ist Stress eigentlich? Es ist wie ein Lämpchen in unserem Auto das aufleuchtet, wenn etwas nicht stimmt. In dem Fall meldet unser Nervensystem uns, Lebensgefahr! Kämpfen! 

Und wie die konkrete Lebensgefahr aussieht, ist ganz unterschiedlich. In der Regel wird aber in diesen "Behälter" Stress, alles mögliche reingeworfen. Alles was unangenehm ist und ich nicht verarbeiten kann, kommt da rein. Doch Stress zeigt sich in allen möglichen Formen - Versagensangst, Zukunftsangst, Überforderung oder auch eine tiefe Traurigkeit. 

 

Stress und Überforderung

 In meiner Erfahrung wird Stress häufig mit Überforderung gleichgesetzt, deshalb lohnt es sich, Überforderung genauer zu betrachten. 

Das passiert, wenn wir ein Zuviel erleben sodass unser Nervensystem die Eindrücke nicht mehr verarbeiten kann. Die Konsequenz ist, wir gehen aus dem Kontakt mit unseren Körper und schlittern in unseren Überlebensmodus. 

 

Fight - Flight - Freeze

In unserer modernen Welt sind wir in der Regel nicht physisch bedroht, sondern mental - also unser Bild von uns selbst ist bedroht. Unglücklicherweise, legen wir die gleichen Strategien an, die wir schon seit Evolutionen in uns haben, die in der Regel, das Problem nur noch verstärken.

 

Stell dir mal vor, du bist im Büro, trinkst deinen ersten Kaffee und hast gerade eine nette Unterhaltung mit deinem Kollegen beendet. Du öffnest deine Inbox und siehst plötzlich 5 Emails zu deinem aktuellen Projekt die auf einen Fehler hinweisen. Und schon wars das mit der Entspannung - du bist im Stress!

 

Option 1: Du verfällst in den Kampfmodus, du suchst nach der Ursache des Problem, dein Kollege der immer so kritische Kommentare zu deiner Arbeit gibt. Du wirst wütend und beginnst innerlich eine Diskussion mit ihm und spielst durch, was du zu ihm sagen wirst, wenn du ihm über den Weg läufst. Vielleicht schreibst du in der Rage auch eine wütende E-Mail um dich zu verteidigen. 

 

Option 2: Nichts wie weg aus dieser Situation! Du hast anscheinend einen Fehler gemacht. Das ist wohl ein Zeichen dass du dieses Projekt einfach abgeben solltest und dich einer leichteren Aufgabe widmest. Und so springst du vielleicht von Projekt zu Projekt. So hast du vielleicht ganz viele angefangenen Themen und schaffst es nicht, Dinge zu beenden. 

 

Option 3: Du hast einen Fehler gemacht. In dem Moment indem du das feststellst, kommst du in eine unendliche Erschöpfung. Du hast keine Kraft und irgendwie keine Lust mehr dich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Du machst einfach garnichts - wie gelähmt schaffst du es irgendwie nicht, deine Aufgaben zu beenden. 

 

Kennst du diese Reaktionen? Welche davon kennst du besonders gut?

 

Wenn wir so unseren Arbeitsalltag leben, dann können wir hier keine Freude finden sondern schlittern jedes mal neu in diesen Kreislauf. 

 

 

 

Vom Denken zum Fühlen

Denken kreiert unsere Welt und unser Gehirn kann immer nur die Schallplatte abspielen, die es schon kennt. So spielen wir munter immer weiter das gleiche qualvolle Lied.  Du kannst dich aus diesem Kreislauf nicht herausdenken! 

 

Der achtsame Weg

 

Wir haben zu Beginn schon über die Haltung gesprochen, wenn du also feststellst, dass du immer wieder in einer Stressreaktion feststeckst, dann versuche diese Situation als Einladung zu sehen.

 

Stress ist kein Problem - es ist ein Ruf nach deinem freundlichen Gewahrsein. 

 

Eine der schnellsten Methoden um aus dem Überlebensmodus auszusteigen ist, zu atmen. Verbinde dich mit deinem Atem und du wirst feststellen, dass du dich beruhigst. 

Jedoch ist das letzte was du tun willst in diese Situation, zu atmen. 

 

Ich möchte das anhand einer eigenen Geschichte etwas erläutern. Ich habe viele Jahre in der IT Industrie gearbeitet und wir hatten wirklich extremen Druck und ich hatte soviel Stress, permanent, dass ich auch zuhause nicht abschalten konnte und mir fehlte die Distanz um entscheiden zu können, was ist wirklich wichtig und was nicht. Ich war in einer Art Daueralarm. 

Der Stress hat eine Eigendynamik entwickelt, das passiert häufig und ich steckte regelmäßig fest in einem Strudel aus zu viel Arbeit und den ungesunden Bewältigungsstrategien, wie zuviel Kaffee, zu viel Alkohol, zu viel süßes, zu wenig Bewegung und ich verlor den Kontakt zu mir selbst. Das hat mich unglücklich gemacht. 

Nach jedem Urlaub dachte ich mir, jetzt ändere ich etwas! Radikal! Ich gehe pünktlich nach Hause, achte mehr auf mich, mache Pausen usw. 

Das hat meist nur in der Planung geklappt. Sobald ich mein Postfach geöffnet habe, hatte mich mein Hamsterrad wieder. Ich konnte dann auch keinen Ausweg mehr erkennen, wer soll die Arbeit denn machen, wenn ich das nicht mache?

 

Also gegen den Stress anzukämpfen hat nichts gebracht.

 

Die Veränderung kam eher schleichend. Ich habe eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis begonnen, damals aus anderen Gründen, eine private Krise, und erstaunlicherweise hat sich dadurch mein ganzes Leben verändert. Ich habe meine Grenzen viel deutlicher gespürt und konnte viel besser für mich selbst sorgen. Die Distanz hat es mir ermöglicht andere Lösungen zu finden, und auch mal auszusteigen aus dem Automatik Piloten. 

Und es hat mir auch geholfen, zu differenzieren. Weil Stress ist nichts anderes als ein Indikator, ein Signal von meinem Körper, vergleichbar mit einer Leuchte in meinem Auto. Leider ist es nicht so eindeutig wie im Auto, da leuchtet die Ölleuchte und wir wissen, ah wir müssen Öl nachfüllen. 

Bei dem Signal Stress kann es eben unterschiedliche Ursachen haben und um zu wissen, woher der Stress herrührt, können wir lernen eine Beziehung zu uns selbst aufzubauen. Hinhören. Den Mechanismus der Stressreaktion verstehen. Die Signale unseres Körpers wieder wahrnehmen und dechiffrieren, sowie unsere Gefühle - die ja genau das sind - Informationen. 

 

Deshalb ist es wichtig eine Beziehung aufzubauen. So wie es bei Menschen eine Weile dauert, bis wir ihnen vertrauen schenken, so ist es auch mit dir selbst. 

Beginne dir und deinem Körper regelmäßig Aufmerksamkeit zu schenken und du wirst so die Fähigkeit der Achtsamkeit lernen, die dich in diesen Stresssituationen trägt.